Carlos Greull Schreibwerkstatt
 

Schreibwerkstatt

Geschrieben habe ich Journalistisches, Dramen, Libretti zu meinen Opern und Musicals, alle Texte zu meinen Cabaret-Programmen, Kurzgeschichten, Essays, Lyrik und ein Buch zu kulturellen und gesellschaftlichen Fragen.
Hier gebe ich Aktuelles wieder: Einzelne Teile meiner permanent entstehenden Autobiografie "Episoden", einzelne Kapitel aus "Protokolle einer skurrilen Seele", Aphorismen und Anderes.

Aus der Autobiografie EPISODEN

Nomen est omen?

Mein Taufname ist Germán Carlos. Familienname Greull. Da konnte keiner was dafür, den Familiennamen erbt man. Je nach Wortlaut könnte man ihn als Erbsünde bezeichnen. Mein Vater musste so heissen, meine Mutter demnach auch. Der Name Greull (auch Greul) findet sich zunächst vor allem in Nürnberg. Trotzdem war mein Vater Deutsch-Böhme (das Wort Sudetendeutscher mag ich nicht), und der Grossvater Wiener.
Zumal ich in Kolumbien geboren wurde, erhielt ich trotz schweizerdeutscher Mutter- und böhmischdeutscher Vatersprache zwei spanische Vornamen:
1. Germán, mit einem von rechts oben nach links unten verlaufenden kleinen Akzentzeichen auf dem A. Der Name wird so ausgesprochen: Das G wie ein deutsches CH, aber etwas rauher als der Ich-Laut und etwas weicher als der Ach-Laut. Wobei der Laut in Spanien mehr dem Ach-Laut ähnelt, in Kolumbien hingegen dem Ich-Laut. Die südamerikanische Art klingt feiner, etwas aristokratisch. Das E ist kurz und offen, das R ist ein einmal angeschlagenes Zungen-R. Betont wird die zweite Silbe mit kurzem markanten A, eben á. M und N (nur eines!) sind wie im Deutschen. Germán kommt vom Lateinischen Germanus. Der Wortstamm ist germ, zu deutsch Keim. Anus ist die Endung, hier ausschliesslich im Sinne von Wortendung, ausschliesslich. Germanus ist der, der gleichen Keimes ist, gemeinhin in der Bedeutung von „Bruder“ bekannt. Im Spanischen ist dies erhalten: Hermano heisst Bruder. Der Name Germán hat also nichts zu tun mit den Germanen. Das waren diese ziemlich rohen und aggressiven Krieger, die auf mitteleuropäischem Boden mit dem Ger, einem archaischen Speer, ihre Widersacher aufspiessten. Das waren die Mannen mit dem Ger, die eigentlich das zweite N verdient hätten: Ger-Mannen. Hätte ich wählen müssen, wäre mir der brüderliche lateinische Germanus trotz allem lieber gewesen als der teutsche Germane, zumal mein Vater ja genau vor den rassebewussten Nachfahren der Germanen nach Südamerika geflohen war.
Also Germán mit Akzent auf der zweiten Silbe. Aber offenbar war dieser Name selbst meinen namengebenden Eltern etwas unheimlich, denn sie nannten mich von Anfang an Geri. Wobei das bei meiner Schweizer Mutter klang wie Geeri, also mit langem geschlossenen ee, beim Vater aber wie Gärri, seinem böhmischen Tonfall gemäss, den er selber für Hochdeutsch hielt.
2. Carlos, dies leitet sich von des Vaters Vornamen Carl ab.
Nach der Übersiedlung in die Schweiz, ich war knapp sieben, wurde ich in Zürich eingeschult. Da meine Mutter mich so einführte, wurde ich von Lehrern und Kameraden Geri genannt. Davon wurden auch meine Spitznamen abgeleitet: Sheriff, Chef und Cäsar. Abgesehen von der phonetischen Verwandtschaft dürfte das auf meine angeborene Eigenschaft als Leithammel schliessen lassen. Später mochte ich Geri nicht mehr und nannte mich Germán (in spanischer Aussprache, s.o.). So folgten Jahrzehnte des Buchstabierens und Erklärens. Die meisten Mitschweizer (ich wurde selber mit 18 Jahren ein solcher) sprachen den Namen ohnehin aus wie das schweizerische Germann. Die Eifrigen bemühten sich um spanische Aussprache, was ihnen in neun von zehn Fällen misslang. Meistens kam das G (=ch) zu hart und rauh heraus und das A lang statt kurz: Chärmaaan. Oh wie hasste ich diesen Namen, von Jahr zu Jahr mehr. Noch mehr aber hasste ich das kindische Geri, das meine Mutter nicht müde wurde in der Verwandtschaft und auch im weiteren Umkreis festzunageln.
Höhepunkt dieser demütigenden Benennung war dieses Ereignis: Ich war etwa 23 Jahre alt und Musikstudent in Basel, als mich dort auf offener Strasse eine junge Japanerin mit Geigenkoffer am Rücken ansprach: „Sind Sie Geli?“. In Sekundenbruchteilen war mir der Sachverhalt klar. Die unschuldige nette Asiatin musste im Tessin in dem Haus gewesen sein, wo meine Mutter mit ihrem kunstmalenden zweiten Mann lebte. Dort gab es eine Fotowand mit Familienfotos. Ich sah vor mir, wie die Besucherin vor diese Fotos gestellt wurde und wie meine Mutter auf mein Bild deutete mit dem stolzen Hinweis: Das ist mein Geri. Die junge Dame bestätigte umgehend meine Vermutung. Dass sie Geli statt Geri sagte, dafür konnte sie nichts, das war idiombedingt.
Inzwischen hatten meine Cousinen ihren Eltern mit Erfolg beigebracht, dass sie nicht Rägeli sondern Regula und nicht Annedorli sondern Anna hiessen. Selbst meine Schwester, die als Kind Hasi gerufen wurde, hiess jetzt authentischerweise Gerda. Nur ich blieb im kollektiven Sippenbewusstsein Geri. Deshalb brach ich alle Kontakte mit den Verwandten ab. Ich ertrug und ertrage vieles, aber nicht ernst genommen zu werden nicht.
Mit etwa fünfzig liess ich mich in Schaffhausen nieder. Da ist der Familienname Germann recht häufig, auch ein bekannter rechtsbürgerlicher Politiker heisst so. Neues Namensungemach: Oft wurde ich mit Herr Germann angesprochen. Wenn ich dann den Irrtum korrigierte, war dies meinem jeweiligen Gegenüber peinlich. Und mir unangenehm.
Später, ich ging gegen sechzig, hatte ich beruflich in England zu tun. Mein Name Germán Greull provozierte bei den humorträchtigen Briten regelmässig dieses: „O, it’s like "Cruel German" - hahaha“.
Jetzt reichte es endgültig. Ich bemühte meinen zweiten Vornamen, Carlos, den ich bis dahin aus Kummer über das frühe Verschwinden meines Vaters Carl unter Verschluss gehalten hatte.
Warum hatte ich das nicht früher gemacht? Hatte ich so lange unbewusst unter dem Diktat meiner mächtigen Mutter gestanden? Ich konnte mit meinem quasi neuen Namen endlich atmen. Jeder Mensch auf der ganzen Welt versteht ihn sofort. Kein Erklären, kein Buchstabieren mehr! Und wenn mich jemand humorig Don Carlos nennt bin ich stolz. Und fühle mich den von mir verehrten Herren Schiller und Verdi nahe. Wie schön.






Fisch

Ich esse keinen Fisch. Nicht, dass ich Vegetarier wäre. Anderes Fleisch esse ich sehr gerne. Hier schiebe ich die Frage ein, warum es Menschen gibt, die sich Vegetarier nennen, aber Fisch essen. Vegetarier bedeutet per definitionem Pflanzenesser. Sind Fische Pflanzen? Unsinn. Das nur nebenbei.
Als jüngeres Kind habe ich noch Fisch gegessen. Gern sogar.
Als ich sieben war und von Kolumbien in die Schweiz gezogen war mit Mutter, Schwester und Vater (dieser verschwand kurz darauf wieder in Lateinamerika; aber das ist eine andere Geschichte), wurde ich endlich von einer kompetenten Augenärztin untersucht. Mein Sehvermögen war schon früh als sehr mangelhaft erkannt worden, aber aus mir nicht wirklich bekannten Gründen kümmerte man sich erst zu diesem späten Zeitpunkt darum. Die plausibelste und den Verantwortlichen gegenüber freundlichste Erklärung für dieses Versäumnis ist die Vermutung, dass es damals in Bogotá keine guten Augenärzte gab.
Die erwähnte Zürcher Augenärztin, sie hiess Frau Dr. Hofmann oder Hoffmann und sei hier namentlich und lobend erwähnt, diagnostizierte das Fehlen der macula lutea, zu Deutsch gelber Fleck, auf der Netzhaut. Dies bewirkte nicht nur eine allgemeine Schwachsichtigkeit, sondern verunmöglichte mir das Fixieren des Blickes auf einen bestimmten Gegenstand. Das Resultat war ein starkes Hin- und Herbewegen der Augen, in der Fachsprache Horizontalnystagmus genannt. Dieser bewirkte, als Folge, dass ich, sobald ich etwas anschauen wollte, den Kopf hin und her bewegte um die Augenbewegung zu kompensieren. Ich brauche kaum zu erwähnen, dass ich durch dieses Kopfwackeln behindert im Sinn der Debilität wirkte.
Was hat das mit Fischessen zu tun?
Besagte Augenärztin war schlau, wirklich. Ich bin ihr unendlich dankbar. Damals gab es noch kein Sehtraining mit ausgeklügelten Geräten und keine dafür ausgebildeten Therapeutinnen. Und mein Defekt war noch kaum erforscht. Frau Dr. Hofmann riet meiner Mutter, mir ein Luftgewehr und eine Angelausrüstung zu kaufen, was die tierliebende Pazifistin zähneknirschend tat. In unserer Zürcher Wohnung baute ich am Ende des langen Flurs die Zielscheibe auf und übte schiessen. Mit Begeisterung und Erfolg. Wenigstens mein rechtes Auge lernte einigermassen zu fokussieren. Jeder Treffer ins Schwarze der Scheibe motivierte mich zu vermehrter Anstrengung.
Unsere Zweitwohnung lag direkt am Luganer See (meine Mutter hatte sich dort mit ihrem späteren zweiten Mann gefunden; doch das ist eine andere Geschichte) angelte ich was das Zeug hielt. Da wir uns in allen Schulferien und an den Wochenenden in Morcote aufhielten, ergaben sich sicher um die 120 Angeltage pro Jahr. Angeltag hiess: Um fünf Uhr morgens aufstehen, zwei Stunden angeln, frühstücken, wieder angeln. Nach elf Uhr vormittags war Ende, da bissen die Fische nicht mehr. Den Unwissenden sei erklärt: Beim Angeln beobachtet man scharf den Schwimmer an der Nylonschnur, an deren unterem Ende der Haken mit dem Köder im Wasser hängt. Wenn der Schwimmer zuckt, ist ein Fisch am Haken. Dann muss man sofort reagieren, sonst verliert man den Fisch wieder. So übte ich stundenlang den Blick gerade zu halten. Zu Beginn benützte ich Brotkügelchen als Köder, damit fing ich kleine Weissfische. Mit Maden bissen grössere, mit Würmern noch grössere, und später, mit dem Löffel oder Spinner, Forellenbarsche an.
Ich brachte die Fische in einem Eimer nach Hause, brach ihnen das Genick, schuppte sie ab, nahm sie aus und briet oder kochte sie. Zu essen gab es – Fisch. Immer wieder – Fisch. Ich lernte Varianten beim Zubereiten, aber es blieb – Fisch. Irgendmal hatte die Familie genug davon. Ich versuchte vergeblich, die Fische zu verkaufen.
Eines ruhigen Morgens, der See war spiegelglatt und roch fömlich nach Fisch, erbeutete ich siebzig Fische. Im Lauf von zwei Tagen ass ich alle alleine auf.
Seither esse ich keinen Fisch mehr.

aus PROTOKOLLE EINER SKURRILEN SEELE

ein loch graben

da ging ich an einem kindersandhaufen vorbei. kindersandhaufen sind keine haufen. haufen sehen aufgehäuft aus, wie kleine berge, vulkankegel oder so. kindersandhaufen sind sandflächen mit einigen unebenheiten und einer meist rechteckigen, manchmal gar quadratischen, selten polygonen, aber immer mehreckigen und mehrflächigen umrandung, die zugleich die abgrenzung bildet. kinder waren keine da. auch sonst war niemand da: kein mann, keine katze, keine frau, kein kater, kein welpe, kein rüde, keine hündin. im sand steckte ein stück holz. ich erlag einer versuchung und zog daran. an dem holz steckte ein geformtes stück blech. beides zusammen bildete eine kleine schaufel. das holz war holzfarben und ohne lack, das blech hatte die farbe die sich der leser bereits vorgestellt hat. zwischen dem holz und meiner hand, der rechten, ich bin nämlich rechtshänder, befand sich etwas sand. nicht viel, aber zu viel, um die körner zu zählen. hätte ich das holz losgelassen, hätte ich meine hand als schmutzig empfunden. ich mag das nicht. genau deswegen liess ich das holz nicht los. ich setzte mich auf den aus brettern bestehenden rand des kindersandhaufens im unangenehmen bewusstsein, dass sand meine kleidung in ihrer reinheit beeinträchtigen würde. mit dem selben bewusstsein stellte ich beide schuhe auf den sand, wobei sich in den schuhen meine füsse befanden. mit der schaufel in der hand begann ich ein loch zu graben. wie sich der sand dabei im einzelnen bewegte kann ich nicht beschreiben. es war zu kompliziert. in wirklichkeit ist alles zu kompliziert um beschrieben oder besprochen zu werden. wer trotz dieser einsicht dinge und vorgänge beschreibt oder bespricht, tut gut daran zu wissen, dass er die tatsachen immer vereinfacht. die leser und hörer werden sich die dinge immer anders vorstellen als der schreiber oder sprecher sie mit äusseren oder inneren augen sieht, mit ohren hört, mit händen fühlt. als das loch tiefer wurde, falsch, als ich mit hilfe der kleinen schaufel tiefer gegraben hatte, wurde der sand feuchter. nein, ich stiess, nein, die schaufel stiess auf feuchteren sand auf den mein auge, nein, mein blick fiel, nein, auf den ich meinen blick richtete. meine hand fühlte, dass sich der feuchte sand anders anfühlte als, nein, die schaufel in der hand vermittelte dieser beim graben im feuchten sand ein andres gefühl als beim graben im trockenen sand. die hand allein hätte dieses gefühl nicht wahrgenommen wenn nicht ein ganzer mensch, in diesem speziellen falle ich, an dieser hand gewesen wäre und wenn dieser nicht in lebendigem und wachem und empfindungsfähigem zustand gewesen wäre. ich bin nicht fähig, irgend etwas exakt zu beschreiben oder zu besprechen. alles was ich schreibe und spreche ist nur ungefähr und irreführend. ich lüge immer. ob ich der einzige bin? ich wollte ein loch in den sand graben. aber ich habe ein loch in die sprache gegraben. es ist besser so. unter dem sand wäre sicher ein engerling hervorgekommen und davor hätte mich geekelt.




aus den CABARETPROGRAMMEN

Lied des Künstlers

Ich bin ein Künstler und nichts weiter,
das ist für viele ungewohnt.
Vielleicht, vielleicht auch wär's gescheiter,
ich flöge auf den Mond.

Die Andern sagen, ich sei Idealist;
die Andern haben sicher recht.
Ich weiss nicht einmal, was das ist.
Ich weiss nur: Meiner Kasse geht es schlecht.

Die Andern meinen, ich sei reich
(an innern Werten) und das mit dem Geld
wäre doch so völlig gleich.
Dafür hätte ich Innenwelt.

Ich sei mit dem Herrgott per Du
und von der Muse geküsst.
Da schade es nichts, wenn man ab und zu
ein Wenig hungern und frieren müsst.

Und bewundert würde ich auch,
und das wäre doch toll.
Nun ja; wäre der Ruhm nicht wir Rauch,
und ich hätte den Bauch statt die Nase voll.

Man beneidet die Freiheit, die ich hätte,
und würde gerne mit mir tauschen.
Im Ernste möchte das keiner, ich wette,
Könnt' er mich bei der Arbeit belauschen.

Ich sei so bürgerlich unbeschwert,
entzöge mich so mancher Pflicht.
Die Leute seh'n das völlig verkehrt,
denn das Wesentliche sehn sie nicht.

Das Wesentliche, was ist's? wollt ihr fragen,
glaubt ihr, das gibt sich so leicht?
Ich will versuchen, es zu sagen:
Dass man das Unerreichbare erreicht.


Lied des Sündenbocks

Ich bin der arme Sündenbock, ich bin an allem schuld,
man hat zum Sünder mich gemacht, ich trag es mit Geduld.

Ich war beliebt und sehr begehrt, da baute einer Mist
und zeigt‘ auf mich und sagt‘ ganz laut : „Jaja, der dort, der ist

doch klar an dem Desaster schuld, ich selber sah nur zu“,
da zeigten alle Leut auf mich: „Du warst es, ja, nur du“.

Und geht‘s dir einstens so wie mir, und wirst zu Volkes Schmäh,
so geb ich dir den einen Rat: tu nichts, sag einfach. „mäh!*


Lied von den Andern

Jaja schon immer war es schaurig,
und eigentlich auch furchtbar traurig,
dass jedefrau und jedermann,
der so und nicht anders kann,
sondern fremd und anders tut,
dies mit Ehrlichkeit und Mut,
wird von der Masse ausgeschieden,
und von der Menge streng gemieden.
Denn wer sich nicht dem Plebs anpasst,
wird von demselben stets gehasst.


Ob Sokrates, ob Hugenotten,
ob Juden oder Hottentotten,
Anthroposoph oder Tamile
(der Minderheiten sind gar viele)
kurzum: Wer nicht passt in die Form
und irgendwie fällt aus der Norm;
durch Rasse, Herkunft, Überzeugung
vor'm Gesslerhut nicht macht Verbeugung,
wird je nach Brauchtum ausgespottet,
im schlimmsten Falle ausgerottet.


Jagen, foltern und verbrennen,
Köpfe von den Rümpfen trennen,
in den Kerker einzuschliessen,
schlagen, peitschen, henken, schiessen;
hundert Arten noch von Toden
nach den teuflischsten Methoden,
waren immer schnell zur Stelle,
auszurotten das Individuelle.
Denn was das Volk am meisten schreckt,
ist das Ich, das einen weckt.



Feiner sind heut die Methoden
von des Guten Antipoden,
und das Böse raffinierter,
und die Menschen noch vertierter.
Die böse Tat ist nicht mehr sichtbar
und das Verbrechen nicht mehr richtbar:
Verleumden mittels Schauermären
und Richtiges für falsch erklären,
und ignorieren und verschweigen,
will Andersartiges sich zeigen.


Eines aber dennoch wag ich,
wollt ihr's nicht hören, trotzdem sag ich:
Des Menschen Ich ist nicht zu kriegen,
und würden tausend Leichen liegen.
Ihr könnt mich foltern und erhenken,
ich hör im Tod nicht auf zu denken:
Des Menschen ich wird überdauern
und würden tausend Mörder lauern.
Verfolgt, verleumdet, tötet mich -
Es überlebt des Menschen Ich.


Rede zur Bundesfeier

(Helvetisches Hochdeutsch)

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!

Lasst uns uns heute auf den eigentlichen Sinn besinnen von dem, in dem wir alle gemeinsam stehen und gehen von unseren Mutterbeinen an, dem, was uns Unter- und Grundlage für unser Leben und Streben und auch geistigen und leiblichen Nähr- und Trinkboden, aber auch das unbedingte Zusammengemeinschaftsgefühl, wo wir benötigen, gibt und spendet, - ihr habt erraten, von was ich spreche: Jawoll, vom Staat.

Ohne Staat wären wir wie ein Salaat, in dem die Würmer ziel- und orientierungslos herumbohren.

Besinnen wir uns auf dieses so schöne vertraute Wort: Staat. Das ST am Anfang bedeutet, dass wir in ihm STill sein sollen und nicht immer reklamieren: SCHTaat!
Das wunderbare Doppel-AA heisst erstens, dAss mAn vor lauter Ehrfurcht immer staunen soll: STAAAT.
Zweitens ist das Doppel-AA eine Bezeichnung für Gewässer aller Aart. Und weil im StAAtsAppArAt so viele Aase vorkommen, kommt darin auch so viel Wasser vor.
Schliesslich kommt im Staat die Tat vor. Das laange AA bedeutet, dass in Staat die Taaten auf sich waarten laassen..

Das Wichtigste im Staat ist das Mili-tär. Mil heisst Tausend und se taire heisst schweigen. Militär ist das, wo Tausende schweigen, und zwar für immer.

Dann das Parlament. Es besteht aus parler, lamentieren und Amen. Das heisst, dass das, was im Parlament gesprochen wird, zum Heulen ist und das Volk kann dazu nur noch Amen sagen. Nicht zu vergessen, dass im Par-lahm-ent auch die lahme Ente steckt.

Der Bundesrat ist die Exekutive: Sie trinken Ex, dann werden sie wie die Kuh, weil sie zu tief ins Glas geschaut haben: Exe-Kuh-Tiefe.

Beliebt ist in unserem Staat das Küssen, weniger die fiesen Küsse, kurz: Der Fiskus. Und damit sind wir bei der Volkswirtschaft angelangt: Voll sind wir allemal gern, weil es alle angeht, und irr und Aff wegen den Folgen: Vollks-wirrtschafft.

Darum und überhaupt lasst uns uns bewusst sein, was wir dem Staaat in seiner gaanzen erhaabenen Grösse, Starrheit und Über- und Überflüssigkeit zu verdaanken haaben.

aus GESCHICHTEN

Der Esel und das Pferd

Das Pferd zum Esel:
„Wer von uns beiden ist edler?“
Darauf der Esel:
„Du natürlich.“
Das Pferd:
„Jawohl. Ich kann gehen, traben, galoppieren, springen und auf den Hinterbeinen stehen.
„Und warum machst du das?“
„Weil mein Mensch es mir so beigebracht hat.“
„Willst du das denn auch?“
„Das habe ich mir noch nie überlegt.“
„Und wenn du jetzt darüber nachdenkst?“
„Dann merke ich, dass ich das alles tue, damit mich mein Mensch lobt. Und ich mag auch nicht, wenn er mich antreibt oder gar schlägt, wenn ich’s nicht tue. Da mache ich halt, was er will.“
„Und was hast du davon?“
„Zucker und Anerkennung. Und ausserdem fresse ich Hafer; feinen wertvollen Hafer, den mir mein Mensch gibt. Du aber frisst Disteln und anderes Unkraut.“

Lange dachte der Esel nach.

„Ich kann auch gehen; wenn ich irgendwohin will.“ Und weiter: „Ich kann auch traben, wenn’s schneller sein soll. Galoppieren wird kaum nötig sein, ich wüsste nicht wozu. Auf die Hinterbeine stehen, um grösser zu scheinen als ich bin? Hab ich nicht nötig. Springen? Nein. Das wäre gefährlich und deshalb unvernünftig. Warten, bis mir jemand Hafer gibt? Nein, ich begnüge mich mit dem, was ich selber finde. Abgesehen davon mag ich Disteln sehr gerne.“

Als der Esel das Pferd wieder antraf, erzählte er ihm seine Gedanken. „Pah“, erwiderte das Pferd. „Was hast du davon? Die Menschen halten dich für dumm und störrisch. Mach es wie ich, und sie werden dich bewundern.“ Mit diesen